Eine Woche mit SUNN Factory Racing: hinter den Kulissen eines MTB-Weltcups in Les Gets

Physiothérapeute du sport à Bâle lors d’un accompagnement d’athlète

Von aussen sieht man bei einem MTB-Weltcup vor allem das Rennen: Start, technische Passagen, Publikum, Resultate. Im Team beginnt die Woche viel früher. Und sie ist deutlich weniger glamourös, als man vielleicht denkt (Aufbau, Essen, Warten, Massagen, Training, Gespräche und sehr viel Logistik).

So sieht eine Weltcup-Woche aus meiner Sicht als Physiotherapeutin bei SUNN Factory Racing aus (beim Weltcup in Les Gets im August 2026).

Diese Runde war besonders spannend, weil sie direkt vor den Weltmeisterschaften in Val di Sole stattfand. Für mehrere französische Athletinnen und Athleten lag entsprechend viel Druck auf diesem Wochenende.

Dienstag: ankommen, bevor der Rennbetrieb beginnt

Ich komme am Dienstag in Les Gets an, noch bevor alle Athleten da sind. Zusammen mit dem Staff bauen wir zuerst das Pit auf (unsere Basis für die ganze Woche).

Hier essen wir, hier arbeiten die Mechaniker, hier kommen die Athleten zwischen den Trainings vorbei und hier richte auch ich meinen Behandlungsbereich ein.

Nach dem Aufbau bleibt mir am Dienstag noch Zeit zum Fahren. Les Gets hat einen grossartigen Bikepark, also nutze ich die Gelegenheit und probiere das SUNN Radical aus. Ein paar Stunden einfach Bike fahren. Ohne Zeitplan, ohne Massagebank, ohne Rennstress.

Physiotherapie plane ich an diesem Tag normalerweise nicht ein. Wenn nichts Akutes vorliegt, dürfen die Athleten erst einmal ankommen, sich einrichten und vom Reisen erholen.

Mittwoch: herausfinden, wie die Athleten ankommen

Am Mittwoch gibt es noch keine offizielle Streckenbesichtigung für XCO oder Short Track. Die Athleten fahren deshalb locker in der Umgebung, beispielsweise Richtung Col de la Joux oder Pré-la-Joux.

In dieser Woche betreue ich hauptsächlich Electa Gallezot, Tom Perrin, Vita Movrin und Yannis Musy.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen beginnen die ersten Massagen.

Für mich ist die Massage am Mittwoch weit mehr als Muskelregeneration. Sie ist oft der erste längere Einzelkontakt der Woche, und dort bekomme ich ziemlich schnell ein Gefühl dafür, wie jemand ankommt (müde oder frisch, ruhig oder angespannt, körperlich problemlos oder mit den ersten kleinen Baustellen).

Genauso wichtig ist die andere Frage: Wie muss ich mich als Begleitperson positionieren? Manche reden viel. Andere wollen einfach Ruhe. Wieder andere brauchen konkrete Informationen. Das lässt sich nicht standardisieren.

Das ist ein Thema für einen eigenen Artikel: Worüber spricht man eigentlich auf der Massagebank mit einem Leistungssportler?

Donnerstag: Streckenbesichtigung, Kaffee und letzte Anpassungen

Am Donnerstag wird das Rennwochenende konkreter. Die Athleten fahren die Strecke, testen Linien und arbeiten technische Passagen.

Die Morgen sind für mich häufig noch relativ ruhig. Ich trinke dann gerne einen Kaffee mit den Athleten, gerade weil dieser Moment nichts mit Behandlung zu tun hat. Ich analysiere niemanden. Wir müssen weder über Schmerzen noch über Leistung sprechen. Und genau deshalb erfährt man manchmal mehr als auf der Massagebank.

Mittags essen wir wieder gemeinsam im Pit.

Am Nachmittag und Abend stehen die letzten wichtigeren Massagen vor dem Short Track an. Kurz vor einem Rennen gilt für mich eher weniger als mehr. Die Beine sollen sich gut anfühlen, relevante Probleme werden behandelt, aber ich will sicher keine neue Reaktion provozieren, nur weil ich noch „etwas machen“ könnte.

In solchen Gesprächen geht es manchmal auch um Selbstvertrauen: Darf ich denken, dass ich Top 10 fahren kann? Darf ich mir vorstellen, in der ersten Reihe zu stehen? Was verändert sich, wenn ich diesen Gedanken wirklich zulasse?

Freitag: Short Track und dieser Moment, in dem plötzlich alles stillsteht

Am Freitag ändert sich die Atmosphäre.

Electa fährt am Morgen den U23 Short Track und wird 24. Später liegt mein Fokus vor allem auf Vita im Elite-XCC.

Short Track passt sehr gut zu ihrem Profil: hohe Leistung, wiederholte Beschleunigungen und kaum Zeit, einen Fehler wieder gutzumachen.

Dann kommt der Call-up.

Die Athleten sitzen noch auf den Rollen. Musik, Publikum, Mechaniker und Staff bewegen sich überall. Noch schnell ein Gel, noch ein Schluck, letzte Kleidung ausziehen.

Dann pfeift jemand.

Und plötzlich verändert sich alles.

Die Namen werden aufgerufen, die Fahrerinnen rücken Reihe für Reihe auf die Startaufstellung. Der Lärm des Publikums nimmt zu.

Kurz vor dem Start müssen wir den Bereich verlassen.

“Riders, watch the light.”

Ab diesem Moment kann man nichts mehr machen. Die Athletin fährt ihr Rennen. Für uns heisst es: zuschauen, anfeuern und bereit sein, sie im Ziel aufzufangen.

Vita beendet den XCC auf Rang 21.

Samstag: ruhig (zumindest von aussen)

Am Samstag haben unsere vier Athleten kein XCO-Rennen. Sie fahren locker zwei oder drei Runden auf der Strecke und danach oft noch etwas Strasse, um die Beine zu bewegen und den Kopf frei zu bekommen.

Das Wetter hat sich komplett verändert: Dienstag bis Donnerstag Sonne und Staub, Freitag Starkregen, Samstag kühler und angenehmer. Die Strecke beginnt langsam wieder abzutrocknen.

Für mich ist Samstag Nachmittag vor allem die lange Massagesession: ungefähr vier Stunden fast ohne Unterbrechung.

Und paradoxerweise ist das oft einer der entspanntesten Momente der Woche.

Einer liegt auf der Bank, ein anderer sitzt daneben, jemand bekommt die Haare geschnitten, andere reden oder schauen aufs Handy. Gerade in dieser Saison waren auch Teamwechsel und Vertragsfragen ein grosses Thema.

Am Abend folgen Teammeeting, Briefing und die Organisation des Sonntags.

Sonntag: vier Rennen hintereinander

Am Sonntag klingelt der Wecker gegen 6 Uhr.

Ab dann läuft alles fast ohne Pause.

  • Electa Gallezot – Women U23: 21.;
  • Tom Perrin – Men U23: 12.;
  • Vita Movrin – Women Elite: 30.;
  • Yannis Musy – Men Elite: 58.

Electa fährt ein starkes Rennen auf einer technisch anspruchsvolleren Strecke nach dem Regen.

Tom zeigt danach eine sehr starke Leistung und wird Zwölfter im U23-Weltcup. Er startet weit hinten und arbeitet sich kontinuierlich nach vorne.

Bei den Elite-Frauen startet Vita sehr offensiv und fährt zunächst nah an den vorderen Positionen, verliert später aber etwas an Boden und wird 30.

Yannis beendet den Tag im Elite-Rennen nach einer schwierigen Saison mit Verletzungen auf Rang 58.

Was macht die Physiotherapeutin während des Rennens?

Während der Rennen sitze ich natürlich nicht einfach herum.

Ich bin viel in den Tech- und Feed-Zonen: Flaschen vorbereiten und reichen, Eis organisieren, Athleten beobachten, anfeuern und Informationen an den Teammanager weitergeben.

Je nach Rennsituation kann der Staff Hinweise zu Trinken, Abständen, Taktik oder technischen Passagen weitergeben.

Dieser Teil der Arbeit hat mit dem klassischen Bild von Physiotherapie wenig zu tun. Es geht um Beobachtung, Kommunikation, Logistik und darum, die Athleten sehr gut zu kennen.

Genau das mag ich an der Athletenbetreuung: Physiotherapie ist nur ein Teil des gesamten Systems.

17 Uhr: Cola, Sandwich und Pit abbauen

Nach dem letzten Rennen fällt die Spannung ab.

Eine Cola. Ein Sandwich gegen 17 Uhr.

Und dann wird das Pit wieder abgebaut.

Was am Dienstag aufgebaut wurde, verschwindet in wenigen Stunden wieder in den Fahrzeugen. Danach essen wir alle gemeinsam im Restaurant.

Eine Weltcup-Woche bedeutet nicht einfach “Massagen machen”

Natürlich spielen Massage und Regeneration eine Rolle. Aber die eigentliche Aufgabe ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem Athleten ihre Leistung abrufen können.

Manchmal bedeutet das, Schmerzen zu behandeln. Manchmal zuzuhören. Manchmal Eis vorzubereiten. Manchmal eine Flasche zu reichen. Und manchmal einfach zusammen einen Kaffee zu trinken und nicht über Physiotherapie zu sprechen.

Diese Erfahrungen fliessen direkt in meine Arbeit in der Sportphysiotherapie in Basel ein.

Weitere Themen aus dem Weltcup-Alltag

  • Was bespricht man auf der Massagebank mit Leistungssportlern?
  • Was macht eine Physio tatsächlich während eines XCO-Weltcups?
  • Massage und Regeneration 24–48 Stunden vor einem Rennen: was ist sinnvoll und was sollte man vermeiden?

Ergebnisse und Informationen

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