Ein paar Wochen zuvor wusste ich kaum, wo ich im Vergleich zu anderen Fahrerinnen überhaupt stehe. Jetzt bin ich in Sarrians. Nach meiner ersten BMX-Rennsaison und der Qualifikation über den Challenge France Nord-Est stehe ich plötzlich zwischen Fahrerinnen aus ganz Europa.
Meine Qualifikation gilt 2026 nur für den Cruiser. Für den 20-Zoll-European-Challenge hätte ich nationale Rennen fahren müssen, zu denen ich zu Saisonbeginn noch keinen Zugang hatte.
Auch wenn ich meinen Cruiser sehr mag, bevorzuge ich eigentlich den 20-Zoll-BMX: kleiner, wendiger und näher an dem Format, für das moderne BMX-Strecken gebaut sind.
Sarrians: plötzlich eine ganz andere Dimension
Ich reise am Dienstag, 23. Juni, mit dem Auto an (ziemlich nervös).
Sarrians ist eine internationale BMX-Strecke mit SX-Infrastruktur, einer Challenge-Startrampe von ungefähr fünf Metern und einer deutlich grösseren Rampe für die Championship-Kategorien.
Die grosse Rampe? Definitiv nicht mein Ziel.
Dieses Wochenende ist erst mein siebtes Rennwochenende überhaupt.
Vor Sarrians bin ich in Cornimont, Baume-les-Dames, Tavaux, Messigny, Calais und Cernay gestartet. Viel Rennerfahrung ist das nicht.
Mentale Vorbereitung: lernen, überhaupt an vorne zu denken
In den Wochen davor arbeite ich intensiv mit Manon Crozet an der mentalen Vorbereitung.
Eigentlich hätten wir dafür mehrere Monate gebraucht. Wir haben ungefähr einen. Also machen wir daraus, was möglich ist.
Und trotz dieser kurzen Zeit verändert sich etwas Entscheidendes: Ich merke, wie oft ich bisher mit dem Gedanken Ich gebe einfach mein Bestes an den Start gegangen bin.
Im BMX reicht das nicht immer. Wenn acht Fahrerinnen nebeneinander am Gatter stehen, muss man sich zumindest vorstellen können, vorne zu sein. Nicht, weil man sich einen Sieg einreden soll, sondern weil man sich sonst schon vor dem Start selbst nach hinten sortiert.
Für mich ist das neu. Ich darf denken, dass ich vorne sein kann.
Hitzewelle und sehr frühe Trainingszeiten
Dann kommt die Hitzewelle dazu. Die Trainingszeiten werden angepasst (am Mittwoch später am Vormittag, am Donnerstag sehr früh), was physiologisch sinnvoll ist, organisatorisch aber nicht unbedingt entspannter.
Ich schlafe im Van auf dem Campingplatz. Die Nächte sind warm, der Schlaf mittelmässig, und morgens beginnt der Stress manchmal schon an der Schranke: Geht sie früh genug auf, damit ich pünktlich im Pre-Grid stehe?
Solche kleinen Faktoren summieren sich: Hitze, Schlaf, Warten, Essen, Nervosität und ungewohnte Zeiten.
Training: eine starke Schrecksekunde
In der ersten Session kann ich viele Runden fahren und versuche bewusst technische Passagen zu üben: Manuals, saubere Pump-Bewegungen und Rhythmus.
Dann kommt die erste grössere Welle.
Bei einem Manual treffe ich mit dem Vorderrad hart auf. Das Bike katapultiert mich nach vorne und für einen Moment verliere ich in der Luft das Gefühl dafür, wo mein Körper eigentlich ist.
Ich komme glimpflich davon. Mental bleibt trotzdem etwas hängen.
Der mentale Block
Um diese erste Welle wirklich gut zu fahren, muss man schnell aus dem Start kommen.
Und genau das beginne ich unbewusst zu vermeiden.
Nur ein bisschen langsamer. Nur ein bisschen weniger entschlossen.
Aber im BMX reichen wenige Prozent Zurückhaltung, um eine ganze Linie zu verändern.
Als Sportphysiotherapeutin kenne ich diesen Mechanismus sehr gut: Nach einem starken Schreck reicht es nicht immer, rational zu wissen, dass der Körper eine Bewegung kann.
Das Nervensystem schützt manchmal früher, als man bewusst entscheidet.
Freitagmorgen: plötzlich bin ich Dritte
Wegen der Hitze starten die Rennen extrem früh.
Mein Ziel ist zunächst ganz einfach: die Motos überstehen.
Ich rechne damit, eher weit hinten zu landen.
Dann wird das Gatter freigegeben.
Erste Moto: Rang drei.
Zweite Moto: wieder Rang drei.
Plötzlich verändert sich mein gesamter Blick auf das Rennen.
Ich bin nicht nur hier, um teilzunehmen. Ich bin wirklich konkurrenzfähig.
Nach den Motos liege ich im Zwischenklassement auf Rang acht und qualifiziere mich für das Halbfinale.
Ein paar Monate zuvor war ich noch bei meinem ersten lokalen Rennen.
Sechs Stunden warten
Zwischen den Motos und dem Halbfinale liegen ungefähr sechs Stunden.
Das ist sehr lang, wenn man weiss, dass später ungefähr vierzig Sekunden entscheiden werden.
Ich habe kein Airbnb und keinen wirklich kühlen Rückzugsort. Es ist heiss, die Woche war anstrengend und plötzlich ist auch der Druck viel grösser.
Am Morgen wollte ich nur weiterkommen. Jetzt will ich ins Finale.
Das Halbfinale: etwas zu viel wollen
Im Pre-Grid spüre ich deutlich mehr Druck als am Morgen.
Ich will beweisen, dass die guten Motos kein Zufall waren.
Und die erste Welle ist immer noch im Kopf.
Ich fahre nicht mein bestes Rennen.
Ich finde nicht dieselbe Freiheit wie am Morgen.
Am Ende werde ich Sechste im Halbfinale. Die besten vier ziehen ins Finale ein.
Mein European Challenge endet dort.
Enttäuscht (aber gleichzeitig sehr zufrieden)
Natürlich bin ich im ersten Moment frustriert.
Wenn man merkt, dass ein Finale erreichbar gewesen wäre, entstehen viele “Was wäre wenn”-Gedanken.
Aber etwas anderes ist genauso wichtig:
Sarrians ist erst mein siebtes Rennwochenende.
Und ich habe gerade ein Halbfinale bei einem europäischen BMX-Event gefahren.
Die Finals ansehen und mehr wollen
Am Abend schaue ich die Finals mit den anderen Fahrern.
Besonders freue ich mich für Anaïs Merland, gegen die ich mich den ganzen Frühling gemessen habe und die eine starke Finalplatzierung erreicht.
Eine direkte Konkurrentin kann gleichzeitig eine der besten Referenzen für die eigene Entwicklung sein.
Was kommt als Nächstes?
Ich fahre aus Sarrians mit einem sehr klaren Gefühl nach Hause:
Ich will zurück.
Ich will ein europäisches Finale.
Ich will bei einem World Challenge starten.
Ich will mehr Rennerfahrung sammeln.
Vorher steht allerdings eine notwendige Knieoperation an.
Das unterbricht die Dynamik, aber langfristig ist es die richtige Entscheidung.
Mein nächstes Ziel ist deshalb zunächst: Operation, Rehabilitation, Rückkehr auf das Bike.
Danach ist die Richtung klar.
Zurückkommen. Ein europäisches Finale fahren. Und an einer Weltmeisterschaft teilnehmen.
Was mir Sarrians auch beruflich zeigt
Diese Erfahrung erinnert mich auch in meiner Arbeit daran, dass Leistung nie nur von Kraft oder Technik abhängt.
Angst nach einer Schrecksekunde, Schlaf, Hitze, lange Wartezeiten, Wettkampferfahrung und Druck können die Leistung genauso beeinflussen.
Genau diese Aspekte spielen auch bei der Rückkehr in den Sport nach einer Verletzung eine grosse Rolle.
Diese persönliche Erfahrung nehme ich in meine Arbeit in der Sportphysiotherapie in Basel mit.


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