Von Millie Brecheisen, Physiotherapeutin in Basel. Aktualisiert am 1. Oktober 2026.
Migräne ohne Kopfschmerzen? Das klingt widersprüchlich. Bei vestibulärer Migräne können jedoch Schwindel, Übelkeit und Bewegungsempfindlichkeit im Vordergrund stehen. Migräne beschreibt hier eine Störung der Sinnesverarbeitung, die über Schmerzen allein hinausgeht.
Migräne kann vor allem vestibuläre Beschwerden auslösen
Vestibuläre Migräne gilt als häufige Ursache wiederkehrender spontaner Schwindelattacken. Eine Episode kann Drehschwindel, Schwanken, Übelkeit, Bewegungsempfindlichkeit oder Orientierungsschwierigkeiten verbinden. Kopfschmerzen müssen nicht bei jeder Attacke auftreten. Lichtempfindlichkeit, Lärmempfindlichkeit, eine Migräneanamnese, Reisekrankheit und visuelle Empfindlichkeit liefern häufig wichtige Hinweise [1].
Neuere Arbeiten beschreiben vestibuläre Migräne als Störung der Sinnesverarbeitung, an der Migräne, vestibuläre und visuelle Netzwerke beteiligt sind. CGRP spielt bereits bei anderen Migräneformen eine wichtige Rolle und scheint auch die Wechselwirkungen zwischen trigeminalen und vestibulären Bahnen zu beeinflussen [1, 2].
Warum die Diagnose manchmal spät gestellt wird
Die Beschwerden unterscheiden sich stark von Person zu Person. Manche erleben minutenlange oder mehrstündige Attacken. Andere fühlen sich danach vor allem länger unsicher. Hörtests, vestibuläre Untersuchungen und Bildgebung können zwischen den Attacken unauffällig sein. Das allein bestätigt oder widerlegt eine vestibuläre Migräne nicht.
Die ärztliche Diagnose stützt sich auf den Verlauf der Episoden, Migränemerkmale und den Ausschluss anderer Erklärungen. Dazu gehören BPLS, Morbus Menière, periphere vestibuläre Störungen, neurologische Ursachen und PPPD.
Die Behandlung braucht mehrere Ansätze
Das Vorgehen richtet sich nach Häufigkeit und Schwere der Attacken. Für die Migräneprophylaxe kommen verschiedene Medikamentengruppen infrage. Neuere Veröffentlichungen betonen, dass die Evidenz weniger robust ist als bei anderen Migräneformen. Die Möglichkeiten entwickeln sich dennoch weiter, etwa mit gegen CGRP gerichteten Behandlungen [2]. Diese Entscheidungen trifft der Arzt oder Neurologe.
Schlaf, regelmässige Mahlzeiten, Trainingsbelastung, Bewegung und persönliche Auslöser können ebenfalls eine Rolle spielen. Sinnvoll ist, wiederkehrende Zusammenhänge zu erkennen. Eine allgemeingültige Liste verbotener Lebensmittel ist nicht das Ziel.
Welche Rolle spielt vestibuläre Physiotherapie?
Physiotherapie ist vor allem sinnvoll, wenn zwischen den Attacken Unsicherheit, Empfindlichkeit bei Kopfbewegungen, visuelle Abhängigkeit, Gleichgewichtsprobleme oder Vermeidungsverhalten bestehen. Eine aktuelle Metaanalyse beschreibt eine klinisch relevante Verbesserung im Dizziness Handicap Inventory nach vestibulärer Rehabilitation. Die Studienergebnisse waren allerdings sehr unterschiedlich [3].
Ein Befund in Basel kann zeigen, welche Funktionen gezielt trainierbar sind. Daraus entstehen passende Übungen. Bei einer aktuell instabilen Migränephase muss die Dosierung besonders sorgfältig gewählt werden.
Wann eine andere Ursache gesucht werden muss
Ein neuer plötzlicher Hörverlust, neurologische Ausfälle, anhaltende Doppelbilder, eine akute Gehunfähigkeit oder ungewöhnliche Kopfschmerzen müssen ärztlich abgeklärt werden. Eine bekannte Migräne schliesst eine andere Erkrankung nicht aus.
Klinische Orientierung für den Befund
Hilfreich sind wiederkehrende vestibuläre Episoden, eine Migräneanamnese und begleitende Migränemerkmale während eines Teils der Attacken. Die Beschwerden können Minuten bis Stunden dauern, in der Erholungsphase auch länger. Zwischen den Attacken sollten visuelle Abhängigkeit, Gleichgewichtsdefizite und mögliches PPPD geprüft werden.
Ein einfaches Tagebuch macht Attacken verständlicher
Einige Angaben zu mehreren Episoden können dem Arzt und der Physiotherapeutin helfen. Sie müssen nicht den ganzen Tag jede Empfindung beobachten.
- Dauer des Schwindels, Schmerzen sowie Lichtempfindlichkeit oder Lärmempfindlichkeit.
- Situation der Episode: Schlaf, Mahlzeiten, Menstruation, Belastung und kürzliche Änderungen der Behandlung.
- Zwischen den Attacken: Schwierigkeiten in Geschäften, vermiedene Bewegungen und Probleme beim Gehen.
Ein einzelner vermuteter Auslöser beweist keine Ursache. Das Tagebuch hilft, wiederkehrende Zusammenhänge zu erkennen und Attacken von anhaltenden Beschwerden zu unterscheiden.
Ein physiotherapeutischer Befund in Basel
In der Praxis in Basel untersucht die Physiotherapie vor allem die Beschwerden zwischen den Attacken: Gleichgewicht, Kopfbewegungen und visuelle Empfindlichkeit. Sie wird mit der ärztlichen Migränebehandlung abgestimmt. Ein Tagebuch und neurologische oder HNO Berichte können den ersten Termin vorbereiten.
Häufige Fragen
Gibt es vestibuläre Migräne ohne Kopfschmerzen?
Ja. Vestibuläre Beschwerden können eine Attacke prägen, während Kopfschmerzen fehlen oder nur gering sind.
Heilen vestibuläre Übungen die Migräne?
Sie behandeln den Migränemechanismus nicht allein. Sie können Gleichgewicht, Bewegungstoleranz und visuelle Abhängigkeit verbessern, wenn diese zwischen den Attacken Probleme verursachen.
Können vestibuläre Migräne und PPPD zusammen auftreten?
Ja. Vestibuläre Migräne kann PPPD vorausgehen oder aufrechterhalten. Die Behandlung muss dann beide Muster berücksichtigen.
Weiterführende Artikel
- Schwindel und vestibuläre Rehabilitation in Basel
- PPPD: anhaltenden Schwindel verstehen und behandeln
- Schwindel im Supermarkt und am Bildschirm: VID verstehen
- Morbus Menière: wann ist vestibuläre Rehabilitation sinnvoll?
Wissenschaftliche Quellen
[1] Villar-Martinez MD, Goadsby PJ. Vestibular migraine: an update. Curr Opin Neurol. 2024. Quelle auf PubMed lesen.
[2] Calandre EP et al. An overview of the current and emerging treatment options for vestibular migraine. Expert Rev Neurother. 2024. Quelle auf PubMed lesen.
[3] El Ahdab J et al. The effect of vestibular rehabilitation in the management of vestibular migraine in adults: A systematic review and meta-analysis. Headache, 2026 (online 2025 veröffentlicht). Quelle auf PubMed lesen.
Diese Informationen erklären mögliche Mechanismen und Optionen der Rehabilitation. Diagnose und Behandlung richten sich nach dem individuellen Befund.


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